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Kryptodiebe verkaufen Hardware-Wallets mit heimlicher eSIM
An die 100 Millionen US-Dollar in Kryptowährung sind Nutzern bestimmter Hardware-Wallets gestohlen werden. Denn wer den Bildschirm auslesen kann, gewinnt.
„The Ledger Nano X is the most secure way to manage your cryptocurrency”, bewirbt das französische Unternehmen Ledger sein Hardware-Wallet für Kryptowährungen. Dennoch haben Nutzer an die 100 Millionen US-Dollar in Kryptowährungen verloren. Denn Unbekannten ist es gelungen, die Offline-Wallets unterwegs abzufangen und zu manipulieren.
Jeder Ledger Nano X hat einen Secure Element Chip, der einen winzigen Touchscreen steuert. Das preist Ledger als besonders sicher an. Leider gilt das nur, wenn Angreifer den Bildschirm nicht mitlesen können. Genau das tun die Tätern aber. Dazu stecken sie zusätzliche Hardware in offenbar echte Ledger Nano X und verkaufen diese dann ahnungslosen Kryptospekulanten.
Nutzen die Käufer so ein modifiziertes Hardware-Wallet und erstellen damit eine seed phrase, lesen die Angreifer automatisch mit. Dabei haben sie den Secure Element Chip gar nicht angetastet, er ist weiterhin sicher. Vielmehr haben sie einen zusätzlichen Chip eingebaut, der die Übertragung vom Secure Element zum eingebauten Bildschirm abhört und die angezeigten Buchstaben der seed phrase erkennt – embedded Tempest. Darauf deutet eine Analyse Tibane Labs hin.
Das Erkennen der Zeichen alleine hilft den Tätern noch nicht, denn die Wallets arbeiten grundsätzlich offline. Also haben die Täter auch noch ein LTE-Modem, ein winziges eSIM-Modul und eine kleine Antenne eingebaut, alles gespeist aus dem sowieso im Hardware-Wallet eingebauten Akkumulator. So wird die seed phrase per Mobilfunk an die Täter übertragen, die somit Kontrolle über die mit der seed phrase gesicherten Kryptowährungsbestände erhalten.
Ledger hat zwar hinsichtlich eines Kunden eingestanden, dass dieser finanziellen Verlust erlitten hat, und dass sein Hardware-Wallet manipuliert war. Den genauen Hergang und das Gesamtausmaß des Schadens hat das Unternehmen aber noch nicht bestätigt. Blockchain-Beobachter geben an, bislang über 300 betroffene Wallets ausgemacht zu haben, die in Summe um umgerechnet 93 Millionen US-Dollar entreichert worden sind. Die gestohlenen Kryptowährungseinheiten werden demnach gewechselt und zumindest zum Teil durch Kryptomixer geschleust.
Der Verdacht richtet sich gegen Cryptobilis, einen von Malaysien aus vor allem in Südostasien tätigen Wallet-Händler. Wer in den letzten drei Monaten bei Cryptobilis eingekauft hat, soll diese Wallets nicht nutzen und noch vorhandene Bestände flugs in ein anderes Wallet umziehen, rät Ledger. Es untersagt Cryptobilis vorerst weitere Verkäufe. An alle Ledger-Händler ergeht das Verbot, etwaige Retouren anderen Bestellern anzudienen.
Leider weiß nicht jeder betroffene Käufer, dass er von Cryptobilis gekauft hat. Tibane Labs berichtet von einem manipulierten Ledger-Gerät, das über Amazon Japan von einem chinesischen Anbieter erstanden wurde, aber in Malaysien zur Post gegeben wurde.
In der Kryptoszene wird erzählt, dass Cryptobilis kürzlich neue Eigentümer erhalten hat, ohne dass dies verlautbart worden sein. Die bisherigen Eigentümer geben demnach an, mit ihrer alten Firma nichts mehr zu tun zu haben. Laut nicht verifizierten Screenshots gehört der Wallet-Händler seit August einem Chinesen namens JiaMing. Je nach Aussprache ist das ein häufiger Name in China, oder bedeutet „falscher Name”.
Die zuletzt aufgefallenen, manipulierten Ledger-Geräte sind mindestens die dritte Generation. Im Mai präsentierte der Embedded-Spezialist Joe Grand auf der Konferenz Hardware.io offenbar noch in Handarbeit manipulierte Ledger Nano X. Um in dem kleinen USB-Stick Platz zu schaffen, ersetzten die Täter den Akkumulator durch einen wesentlich kleineren und sorgten für auffälliges Drahtgewirr – auffällig natürlich nur, wenn man den USB-Stick auseinander nimmt, was Anwender nicht zu tun pflegen.