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Schafwolle bremst die Gletscherschmelze ähnlich gut wie Kunststoffvlies
Kunststoffvliese sollen Gletschereis im Sommer vor zu viel Wärme schützen, können dabei aber Mikroplastik freisetzen. Ein Feldversuch in den Schweizer Alpen deutet darauf hin, dass Abdeckungen aus Schafwolle Schnee und Eis ähnlich gut bewahren könnten. Die bisherigen Beobachtungen sind jedoch vorläufig, denn die Messdaten wurden noch nicht abschließend ausgewertet.
Vevey (Schweiz). An manchen Gletschern liegen im Sommer weiße Kunststoffvliese, die das darunterliegende Eis vor einem Teil der Sonnenwärme abschirmen. Die Abdeckungen können die Schmelze in den geschützten Bereichen deutlich verringern, lösen aber nicht das Problem der steigenden Temperaturen. Zudem bestehen die verwendeten Geotextilien häufig aus Kunstfasern, die bei Abnutzung in die Umwelt gelangen können.
Eine natürliche Alternative könnte Schafwolle sein. Sie isoliert gegen Wärmeeintrag, ist biologisch abbaubar und fällt in der Schweiz in großen Mengen als wenig genutzter Rohstoff an. Ob Wollabdeckungen unter den rauen Bedingungen eines Hochgebirgsgletschers ebenso zuverlässig funktionieren wie synthetisches Vlies, wurde nun in einem kleinen Feldversuch untersucht.
Ein Team der Universität Lausanne (UNIL) und der Summit Foundation hat dafür im Projekt „Keep It Wool“ einen Abschnitt des Tsanfleuron-Gletschers bei Les Diablerets ausgewählt. Am 22. Juni 2026 legten die Beteiligten zwei jeweils zehn mal zehn Meter große Wollabdeckungen aus. Daneben installierten sie ein gleich großes synthetisches Geotextil als Vergleich.
Die Wollprototypen unterschieden sich in ihrer Materialstärke. Über den Sommer kontrollierte das Team die drei Flächen im Abstand von etwa zwei Wochen. Messstäbe innerhalb der abgedeckten Bereiche sollten zeigen, wie viel Schnee und Eis jeweils verschwand, während gleichzeitig die Widerstandsfähigkeit des Materials beobachtet wurde.
Nach dem ersten Versuchssommer berichtet die beteiligte Stiftung von einem vorläufig vergleichbaren Schutz durch beide Wollvarianten und das herkömmliche Kunststoffvlies. Auch die Belastungen durch Wind, Niederschlag und Feuchtigkeit hätten die Wollabdeckungen nicht so rasch unbrauchbar gemacht wie zunächst befürchtet. Eine quantitative Gegenüberstellung der gemessenen Schmelzraten liegt allerdings noch nicht vor.
Die Aussage beruht damit vorerst auf ersten Beobachtungen und nicht auf einer abschließend ausgewerteten wissenschaftlichen Veröffentlichung. Insbesondere lässt sich aus den verfügbaren Daten noch kein belastbarer Prozentsatz ableiten, um wie viel die Schafwolle die Eisschmelze gegenüber einer ungeschützten Fläche verringert hat. Ebenso bleibt offen, welche der beiden Materialstärken auf längere Sicht besser geeignet wäre.
Als Vergleichsmaßstab dienen ältere Untersuchungen zu synthetischen Geotextilien. Eine wissenschaftliche Auswertung von Schweizer Abdeckungsflächen ergab, dass unter den weißen Vliesen örtlich rund 60 Prozent weniger Schnee und Eis schmolzen als auf benachbarten ungeschützten Flächen. Dieser Wert beschreibt die bewährten Kunststoffabdeckungen und ist kein bereits bestätigtes Ergebnis des Wollversuchs.
Der Materialwechsel könnte ein Umweltproblem der bisherigen Methode mindern. Viele Gletscherabdeckungen enthalten Polyester oder Polypropylen, aus denen sich durch Witterung und mechanischen Verschleiß Kunststofffasern lösen können. Schafwolle würde keine solchen synthetischen Fasern eintragen und ist als Naturmaterial biologisch abbaubar.
Hinzu kommt, dass nach Angaben der Projektbeteiligten in der Schweiz ein beträchtlicher Teil der geschorenen Wolle kaum genutzt wird. Für die Abdeckungen könnte somit ein bislang wenig gefragtes Nebenprodukt verwendet werden. Ob ihre Herstellung, Haltbarkeit, Befestigung und Entsorgung insgesamt ökologisch günstiger sind, wurde in dem Feldversuch allerdings noch nicht umfassend untersucht.