// TAGESSCHAU AUSLAND — MONDO
Nord Stream: Ein legitimes militärisches Ziel für die Ukraine?
Der ukrainische Präsident Selenskyj weist eine staatliche Beteiligung bei der Sprengung der Nord-Stream-Pipeline zurück. Viele Menschen in der Ukraine halten die Gaspipeline für ein legitimes Ziel im Verteidigungskampf gegen Russland.
Roman Tscherwinskyj hat keine Scheu, mit der Presse zu reden. Der ehemalige ukrainische Geheimdienstler und Kommandeur einer Spezialeinheit redet verhältnismäßig offen über waghalsige Aktionen, an denen er angeblich beteiligt war. Er lässt internationale Journalisten in seine Wohnung, gibt viele Interviews.
Der Anfang 50-Jährige gilt den deutschen Ermittlern als der Koordinator hinter der Sprengung der Gaspipeline Nord Stream 2. Eine Beteiligung an der Sprengung will Tscherwinskyj gegenüber der Presse jedoch weder bestätigen noch verneinen. Den in Hamburg vor Gericht stehenden Serhij K. kenne er jedoch, gibt er zu.
"Serhij ist ein Offizier, der in meiner Einheit gedient hat und mir zur Zeit der Sprengung unterstellt war", sagt Tscherwinskyj in einem Interview mit Radio Swoboda. Aus seiner Sicht bestehe überhaupt keine Notwendigkeit für den ukrainischen Staat oder die ukrainische Armee, sich zu der Frage zu äußern, in wessen Auftrag die Gasleitung 2022 gesprengt wurde.
Der Prozess gegen einen Ukrainer könnte die Debatte über die Ukraine-Hilfen befeuern.
mehr
Denn die Pipeline, so Tscherwinskyjs Argumentation gegenüber Radio Swoboda, sei eine der profitabelsten Einnahmequellen des russischen Konzerns Gazprom. Und somit eine wichtige Finanzierungsquelle für den Krieg gegen die Ukraine. "Wenn die Ukraine die Pipeline gesprengt haben sollte", folgert Tscherwinskyj, "dann ist das für die Ukraine ein legitimes Ziel."
Es ist eine Argumentation, der viele in der Ukraine folgen. Auch Polens Ministerpräsident Donald Tusk äußerte sich in der Vergangenheit ähnlich. "Das Problem für Europa, die Ukraine, Litauen und Polen ist nicht die Sprengung von Nord Stream 2, sondern dass es gebaut wurde", betonte Tusk im vergangenen Jahr. Daher habe man auch kein Interesse daran gehabt, im Nord Stream-Fall den Verdächtigen Wolodymyr Z. nach Deutschland auszuliefern.
Das entspricht der Linie, die auch die Ukraine in ihrer öffentlichen Kommunikation verfolgt. "Wollen wir nicht lieber darüber sprechen, wer diese Leitungen gebaut hat anstatt darüber, wer sie gesprengt hat?", fragt Heorhij Tychyj, Sprecher des ukrainischen Außenministeriums bei einem Pressestatement vergangene Woche. Die Ukraine habe schon 2021 vor der Pipeline gewarnt.
"Niemand hat uns zugehört", fährt Tychyj fort und fordert: "Lassen Sie uns darüber sprechen, wie diese Pipeline gebaut wurde, und diejenigen befragen, die sie gebaut, genehmigt und in Betrieb genommen haben."
Exklusiv
08.10.2026