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Umstrittener Klimatest: Nimmt das Meer durch Natronlauge mehr CO₂ aus der Luft auf?
Chemischer Schub für den Ozean: Ein Feldversuch im Golf von Maine deutet darauf hin, dass Natronlauge die Aufnahme von Kohlendioxid aus der Luft erhöhen kann. Nach vorläufigen Berechnungen gelangten binnen vier Tagen zusätzlich zwei bis zehn Tonnen CO₂ ins Meer. Bei den untersuchten Meeresorganismen zeigten sich zunächst keine signifikanten Veränderungen. Doch der langfristige Klimanutzen bleibt offen.
Woods Hole (U.S.A.). Die Ozeane nehmen einen beträchtlichen Teil des vom Menschen ausgestoßenen Kohlendioxids auf. Dabei bildet sich Kohlensäure, wodurch der pH-Wert des Meerwassers sinkt und sich die Lebensbedingungen vieler Meeresorganismen verändern. Deshalb untersuchen Forscher, ob sich die Aufnahmefähigkeit des Wassers gezielt steigern lässt.
Eine Möglichkeit ist die sogenannte Ozean-Alkalinisierung: Basische Zusätze verändern die chemischen Gleichgewichte im Wasser und könnten so mehr CO₂ aus der Atmosphäre als gelöstes Hydrogencarbonat binden. Doch wie gut funktioniert das im offenen Meer? Und welche Folgen hat der Eingriff für das empfindliche marine Ökosystem?
Forscher der Woods Hole Oceanographic Institution (WHOI) um Dr. Adam Subhas haben dies nun in einem Feldversuch des Projekts LOC-NESS untersucht. Am 13. August 2025 setzten sie im Wilkinson-Becken des Golfs von Maine während sechs Stunden rund 62.500 Liter einer etwa 50-prozentigen Natriumhydroxid-Lösung frei. Ein mitgeführter roter Farbstoff markierte das veränderte Wasser und machte dessen Ausbreitung verfolgbar.
Vier Tage lang folgten die Wissenschaftler der behandelten Wassermasse mit einem Forschungsschiff, Driftbojen, autonomen Unterwasserfahrzeugen und Satellitenbeobachtungen. Sie registrierten unter anderem pH-Wert, Alkalinität und den CO₂-Gehalt des Wassers. Dabei stimmte die Ausbreitung des markierten Wassers weitgehend mit den zuvor berechneten Modellen überein.
Am Ende der sechsstündigen Zugabe lag der pH-Wert nach Angaben der Forscher bei etwa 8,3. Bis zum Ende der Nachbeobachtung sank er wieder auf den Ausgangswert von ungefähr 7,95. Eine mitfahrende Beobachterin aus der Fischerei berichtete allerdings, dass die Messungen während der Zugabe die genehmigte Schwelle von pH 8,7 zeitweise knapp überschritten. Daraufhin habe das Team die Einleitungsrate halbiert.
„Diese ersten Ergebnisse zeigen, dass sich kleinmaßstäbliche Einsätze zur Ozean-Alkalinisierung technisch umsetzen, verfolgen und mit hoher Präzision überwachen lassen“, erklärt Dr. Adam Subhas.
Die erste Kohlenstoffbilanz deutet auf einen Effekt hin: Während der viertägigen Beobachtung soll das veränderte Meerwasser zusätzlich schätzungsweise zwei bis zehn Tonnen atmosphärisches CO₂ aufgenommen haben. Eine Modellrechnung ergab, dass sich die Aufnahme über einen längeren Zeitraum bis auf etwa 50 Tonnen innerhalb eines Jahres erhöhen könnte. Das ist jedoch eine Prognose und kein gemessener Jahreswert.
Die Forscher konnten damit Bedingungen schaffen und verfolgen, unter denen das Meer zusätzliches Kohlendioxid aufnimmt. Ob daraus eine dauerhaft wirksame CO₂-Entnahme wird, hängt unter anderem von späteren Strömungs- und Austauschprozessen ab. Für die tatsächliche Klimabilanz müssen zudem die Emissionen aus Herstellung, Transport und Freisetzung der Natronlauge berücksichtigt werden.
Der Test baute auf einem früheren reinen Farbstoffversuch von 2023 auf, dessen wissenschaftliche Auswertung 2025 erschienen ist. Sie zeigte, wie sich Wasserbewegungen und natürliche Schwankungen bei der Überprüfung der CO₂-Aufnahme berücksichtigen lassen. Die jetzt vorgestellten Ergebnisse des Natronlauge-Feldversuchs sind dagegen vorläufig und noch nicht als vollständige begutachtete Ergebnisstudie veröffentlicht.