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Forensische Experten erkennen Personen an ein oder zwei Gesichtsmerkmalen
Beim Abgleich von Gesichtern achten forensische Spezialisten oft auf erstaunlich wenige Einzelheiten. In einem Laborexperiment konnten 27 Fachleute ein verdecktes Gesicht meist schon anhand eines freigelegten Merkmals einer von zwei Personen zuordnen. Besonders häufig wählten sie die Ohren, während auch die Stirn hohe Trefferquoten lieferte. Für echte Ermittlungen gelten diese Werte allerdings nicht unmittelbar.
Gaithersburg (U.S.A.). Wer Gesichter auf Fotos vergleicht, prüft Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Augen, Nase, Mund und weiteren Gesichtspartien. Bei forensischen Untersuchungen kann es darum gehen, ob Aufnahmen dieselbe Person zeigen. Dafür empfehlen fachliche Richtlinien eine systematische Analyse der verfügbaren Merkmale.
Doch worauf achten erfahrene Spezialisten zuerst, wenn ihnen nur wenig Bildinformation zur Verfügung steht? Bisher war kaum untersucht, welche Gesichtspartien sie bei einer gezielten Auswahl bevorzugen und wie treffsicher ihre Entscheidungen mit einzelnen Ausschnitten sind.
Forscher des National Institute of Standards and Technology (NIST) um Carina A. Hahn haben dazu das Vorgehen von 27 Gesichtsspezialisten aus US-Bundesbehörden untersucht. Alle Teilnehmer gaben an, über entsprechende Ausbildung oder berufliche Erfahrung zu verfügen. Das Team wollte herausfinden, wie viele Merkmale für die richtige Zuordnung nötig sind und nach welchen Kriterien die Fachleute diese auswählen.
In 24 Versuchsdurchgängen sah jeder Teilnehmer zunächst zwei vollständig sichtbare Gesichter unterschiedlicher Personen. Daneben erschien ein drittes, zunächst abgedecktes Foto, das zu einer der beiden Personen gehörte. Die Aufgabe bestand darin, diese Übereinstimmung zu erkennen, indem nach und nach einzelne Bereiche des verdeckten Gesichts sichtbar gemacht wurden.
Zur Auswahl standen neun Regionen, darunter Augen, Augenbrauen, Ohren, Nase, Mund, Stirn und Kinn. In einem Teil der Versuche konnten die Spezialisten selbst entscheiden, welchen Bereich sie freilegen wollten. In anderen Durchgängen war die Reihenfolge vorgegeben. Für zusätzliche aufgedeckte Merkmale wurden Punkte abgezogen, was sparsame Entscheidungen begünstigte.
Bei freier Auswahl trafen die Teilnehmer 75,89 Prozent ihrer Entscheidungen bereits nach einem sichtbaren Merkmal. In weiteren 16,67 Prozent der Fälle genügten zwei Merkmale. Die geschätzte Trefferwahrscheinlichkeit bei nur einem selbst gewählten Ausschnitt betrug rund 95 Prozent. Auch unter den vorgegebenen Reihenfolgen lagen die modellbasierten Erfolgsquoten überwiegend hoch.
„Was mich am meisten überrascht hat, war, dass die Spezialisten die Identität meist schon anhand eines einzigen Gesichtsmerkmals richtig beurteilen konnten. Es ist bemerkenswert, wie viele Informationen über die Identität sie aus so wenigen Hinweisen gewinnen können“, erklärt Carina A. Hahn.
Vor allem die Ohren dienten den Spezialisten als erster Anhaltspunkt. Bei Durchgängen, in denen insgesamt nur ein Merkmal gezeigt wurde, führten die Ohren über alle Versuchsbedingungen hinweg in 93 Prozent der Fälle zur richtigen Antwort. Bei der Stirn waren es sogar 94 Prozent, obwohl die Fachleute diese Region deutlich seltener selbst auswählten.
Der kleine Vorsprung der Stirn ist allerdings statistisch unsicher. Ihr 95-Prozent-Konfidenzintervall reichte nach unten bis 71 Prozent, bei den Ohren hingegen bis 88 Prozent. Auch vermeintlich schwache Merkmale sind nicht grundsätzlich ungeeignet. So wurde etwa das Kinn nur dreimal allein als erstes Merkmal gezeigt, zu selten für ein belastbares Urteil.