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Wie konnten Neandertaler den Beginn der Eiszeit vor 70.000 Jahren überleben?
Ein Rückzugsort in der Kälte: Genanalysen verorten die Wurzeln vieler später Neandertaler vor rund 65.000 Jahren im Südwesten Frankreichs. Doch warum fanden sie ausgerechnet dort günstige Bedingungen? Eine neue Erklärung führt zur damals relativ warmen Biskaya, deren Wassermassen das benachbarte Land feuchter und milder gehalten haben könnten als weite Teile Europas.
Talence (Frankreich). Als die letzte Eiszeit begann, kühlte sich Europa deutlich ab. Für die Neandertaler bedeuteten Kälte und Trockenheit offenbar nicht überall dieselben Lebensbedingungen.
Genetische Analysen deuten darauf hin, dass fast alle späten Neandertaler Europas über eine mütterliche Abstammungslinie auf ein Rückzugsgebiet in Südwestfrankreich zurückgehen. Das wirft eine Frage auf: Weshalb lag der mutmaßliche Zufluchtsort nicht weiter südlich auf der Iberischen Halbinsel?
Forscher der Université de Bordeaux um Prof. María Fernanda Sánchez Goñi haben nun eine mögliche Erklärung vorgelegt, indem sie ältere Klimabefunde mit neuen genetischen Erkenntnissen verbinden. Ihre Veröffentlichung ist ein wissenschaftlicher Brief mit einer neuen Deutung, keine Untersuchung mit neu erhobenen DNA- oder Klimadaten.
Der entscheidende Zeitraum liegt am Beginn der letzten Eiszeit vor etwa 76.000 bis 68.000 Jahren. Während das europäische Festland abkühlte, blieb das Oberflächenwasser im Golf von Biskaya vor der französischen Atlantikküste vergleichsweise warm.
Schon frühere Untersuchungen von Pollen und fossilen Meereskleinstlebewesen aus Sedimentkernen hatten den Gegensatz zwischen kühler werdender Luft und relativ warmem Wasser nachgewiesen. Als Ursachen diskutiert die neue Arbeit die abnehmende sommerliche Sonneneinstrahlung, die Abkühlung des Festlands und Eisberg-Einträge, die warme Wassermassen im Golf von Biskaya konzentrierten.
Durch das starke Temperaturgefälle zwischen Meer und Land konnte mehr Wasser verdunsten und als feuchte Luft an die Küste gelangen. Dadurch könnten in Südwestfrankreich vergleichsweise milde und feuchte Landschaften mit offenen Wäldern und Heideflächen erhalten geblieben sein, während weite Teile des europäischen Binnenlands trockener wurden.
Ausgangspunkt dieser Deutung ist eine im Frühjahr veröffentlichte Untersuchung zur Geschichte der Neandertaler. Darin wurden zehn neu gewonnene Sequenzen mitochondrialer DNA mit 49 bereits bekannten verglichen und mit archäologischen Funddaten verknüpft.
Die Analysen deuten auf einen starken Rückgang der Neandertaler und eine spätere Ausbreitung vor rund 65.000 Jahren hin. Fast alle untersuchten späten Neandertaler gehören demnach zu einer mütterlichen Abstammungslinie, die sich wahrscheinlich in Südwestfrankreich ausdifferenzierte.
Auch die archäologischen Fundmuster passen zu diesem Szenario: Zwischen etwa 70.000 und 60.000 Jahren vor heute konzentrieren sich Hinweise auf die Besiedlung in dieser Region. Zusammen mit den genetischen Daten spricht dies für ein zeitweiliges Refugium, aus dem sich die Neandertaler später über Europa ausbreiteten.